INTERVIEW FÜR KONZERT IN MUSIKVEREIN / by Dmitri Akerman

"Magazin der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien
Jänner 2015
Gesang wie Goldschmiedekunst
Margarita Gritskova, Mezzosopran
Von St. Petersburg an die Wiener Staatsoper und von der Opern- auf die
„Lied.Bühne“ im Gläsernen Saal: Die junge russische Mezzosopranistin Margarita
Gritskova gibt mit einem Liederabend ihr Musikvereinsdebüt.
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„Du holde Kunst, in wieviel grauen Stunden,/ Wo mich des Lebens wilder Kreis
umstrickt,/ Hast du mein Herz zu warmer Lieb entzunden,/ Hast mich in eine
bessre Welt entrückt!“ So hat es Franz von Schober gedichtet, und Franz
Schubert hat die Zeilen durch seine Vertonung unsterblich gemacht. Mit genau
dieser Liebeserklärung „An die Musik“ eröffnet Margarita Gritskova ihren
Liederabend im Zyklus „Lied.Bühne“, der jungen Ensemblemitgliedern der Wiener
Staatsoper die Möglichkeit bietet, sich im Musikverein als Liedsänger zu
präsentieren.
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Lieder-Rundreise
Dieser Abend wird für die 1987 in St. Petersburg geborene Sängerin eine
Premiere im doppelten Sinn, immerhin handelt es sich um ihr Musikvereinsdebüt
und zugleich um ihren allererster Liederabend: „Das ist natürlich sehr
aufregend. Ich bereite mich bereits seit dem Sommer darauf vor. Es ist der
erste Abend, an dem ich zwei Stunden vor dem Publikum stehen und Lieder, keine
Opernarien, singen werde. Ich halte das für viel schwieriger. Ein Liederabend
ist eine weit diffizilere Sache. Man ist näher am Publikum, man muss viel
nuancierter singen. Mit Oper habe ich ja schon einige Erfahrung, mit Liedern
nur ein bisschen. Dabei hat mich der Liedgesang schon während des Studiums
sehr interessiert!“ Dieses absolvierte sie am Konservatorium in St.
Petersburg. Dort gab es auch eine Klasse, in der ein wenig kammermusikalisch
gearbeitet wurde, doch der zentrale Fokus der Ausbildung lag ganz auf dem
Operngesang, erzählt die Mezzosopranistin.
Bei der Programmzusammenstellung haben ihr Begleiter, der Pianist Thomas
Lausmann, der Solokorrepetitor und musikalischer Studienleiter an der Wiener
Staatsoper ist, und ihre Gesanglehrerin geholfen. Das Programm liest sich
ungemein ambitioniert, wie eine kleine Rundreise durch das Genre Lied. Den
Beginn macht eine deutsche Auswahl mit Schubert, Brahms und Strauss, danach
folgt Russisches von Tschaikowskij und Rachmaninow, im zweiten Teil wird es
bei Debussy, Massenet, Ravel und Fauré französisch, bevor der Abend im Finale
mit Manuel de Fallas „Siete canciones populares españolas“ spanisch ausklingt.
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Kunstvolles Ziselieren
Viel harte Arbeit, darüber ist sich Gritskova im Klaren, allein die drei
deutschsprachigen Komponisten verlangen jeder für sich einen eigenen Stil. Sie
hört daher auch unterschiedliche Aufnahmen, um ein Gefühl für die
Kompositionen, für die Aussprache zu bekommen und in die Tiefen des deutschen
Liedes vorzudringen. Dietrich Fischer-Dieskau, Christa Ludwig und Elisabeth
Schwarzkopf nennt sie als große Vorbilder: „Es gibt so viele unterschiedliche
Interpretationen von so vielen fantastischen Sängern. Aber natürlich müssen
wir unseren eigenen Weg finden.“ Bei de Falla fällt ihr sofort Teresa Berganza
ein. Eine erste spanische Erfahrung konnte Gritskova an der Seite des von ihr
bewunderten José Carreras sammeln. Er holte sich die junge Russin im September
2013 für seine Staatsopernmatinee an die Seite, um ein Duett aus einer
Zarzuela zu singen.
Lieder zu interpretieren empfindet Margarita Gritskova als schönes Abenteuer,
und sie bedauert, dass das Lied in Russland nicht dieselbe Bedeutung hat wie
im deutschsprachigen Raum. Auch würde sie sich wünschen, dass das Interesse am
Lied wieder ein wenig stärker würde, denn „im Moment hat das Lied etwas an
Popularität verloren. Vielleicht liegt es auch daran, dass es anspruchsvoller
ist, für den Sänger wie für das Publikum. Es ist Feinstarbeit, ein kunstvolles
Ziselieren, wie die Arbeit eines Goldschmieds!“
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Vom Klavier angezogen
Schon früh hat sich Margarita Gritskova mit Musik beschäftigt, obwohl sie aus
keiner Musikerfamilie stammt. Die Mutter spielte ein wenig Geige und der
Vater, der zwar keine Stimme, aber dafür gute Ohren habe, wie sie anmerkt, hat
sich selbst das Klavierspielen beigebracht. Damit stand ein Pianino zu Hause.
Also zog es auch die kleine Margarita ans Klavier, und bald ging sie an die
Musikschule. Dort sang sie dann auch im Chor, was für sie ein ganz besonderes
Gefühl war. Schließlich wurde sie in den Kinderchor des Radios aufgenommen –
und bereits hier wurde sie für solistische Aufgaben eingesetzt. Mit dem
Radiochor ging es auf viele Reisen, nach Deutschland, nach Spanien und sogar
nach Japan. Allerdings war das Tourneeprogramm meist so dicht, dass die Kinder
wenig von den fremden Ländern sehen konnten: „In Japan hatten wir immer zwei
Konzerte pro Tag, jeweils zwei Stunden lang. Für Kinder ist das natürlich
viel, aber wir haben es trotzdem gerne gemacht, es waren tolle Erlebnisse“,
erinnert sie sich.
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Eine Entdeckung
Sehr früh, mit sechzehn, ging sie dann zum Studium an die Hochschule. Bereits
mit 22 hatte sie es abgeschlossen und dachte vorerst daran, als Aspirantin an
einem Theater unterzukommen. Doch es kam anders. Sie wurde von ihrer Agentin
entdeckt, die ihr ein Vorsingen in Weimar vermittelte. Plötzlich hatte sie
einen Zweijahresvertrag am Deutschen Nationaltheater in Weimar in der Tasche,
ohne ein Wort Deutsch zu können.
Keine leichter Start: „Am schwierigsten war es aber, dass ich überhaupt keine
Bühnenerfahrung hatte. Während meiner Hochschulzeit habe ich nur einmal den
Cherubino auf der Bühne gesungen. In Deutschland gibt es natürlich viel mehr
Singschauspieler als in Russland. Ich habe mich gefühlt, als käme ich aus dem
Museum. Ich habe gesehen, was die anderen auf der Bühne machen, und dachte
nur: Mamma Mia! Ich hatte große Angst und wollte schon wieder weggehen, weil
für mich alles zu kompliziert schien. Meine erste Produktion war dann auch in
Weimar ,Le nozze di Figaro‘. Die Regisseurin hat mich schließlich kurz vor der
Premiere durch ein Cover ersetzt. Ich war nicht böse darüber und habe
verstanden, dass ich noch viele Erfahrungen sammeln muss. Danach ging es immer
besser, und ich habe in Weimar enorm viel gelernt.“
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Erfolge und Träume
Nach zwei Jahren Deutschland hieß die nächste Station Wien, wo sie nach einem
Vorsingen ins Ensemble aufgenommen wurde: „Ich hätte nie gedacht, dass ich so
schnell an einem so großen und wichtigen Haus singen werde“, erzählt die
Sängerin. In Wien hat sie sich rasch in die Herzen des Publikums gesungen,
neben einigen kleinen Partien bereits die Rosina in Rossinis „Il barbiere di
Siviglia“ und die Angelina in „La Cenerentola“ verkörpert. Der bisherige
Höhepunkt war im vergangenen Herbst der Idamante in der Premiere von Mozarts
„Idomeneo“, der ihr einen großen persönlichen Erfolg bescherte.
Natürlich träumt sie auch von der Carmen und von all den anderen großen
Mezzo-Partien. Dennoch möchte sie es langsam angehen, hält nichts von
schnellen Karrieren. In jedem Fall ist sie neugierig, viel Neues zu lernen und
zu singen, auch Zeitgenössisches, vielleicht auch Jazz, den sie sehr mag.
„Musik ist einfach fantastisch“, sagt die junge Sängerin – womit wir wieder
bei der holden Kunst wären."
Mag. Stefan Musil ist freier Kulturjournalist in Wien. Oktober 2014)