PREMIERE: G.F.HÄNDEL "ALCINA" (BRADAMANTE) / by Dmitri Akerman

DNT Weimar, Deutschland

INTERVIEW
Russische Mezzosopranistin wechselt von Weimar nach Wien
Margarita Gritskova singt bei der Premiere von Händels Oper "Alcina" am DNT
die Rolle der Bradamante. Die junge russische Mezzosopranistin wechselt noch
in diesem Jahr an die österreichische Staatsoper.
Weimar. Eine Frau, die sich als Mann verkleidet, in das Reich einer Zauberin
einschleicht und Liebe zu einer Frau vortäuscht, um einen Mann zu retten:
Bradamante, die wahre Heldin von Georg Friedrich Händels Barockoper "Alcina",
ist in heikler Mission unterwegs. Ihr Verlobter Ruggiero ist dem Zauber der
morgenländischen Magierin Alcina dermaßen rest- und willenlos erlegen, dass
Überredungskraft nicht ausreicht, ihn loszueisen. Bradamante muss in Gestalt
ihres eigenen Bruders Ricciardo einige Finten anwenden, um ihren Liebsten
zurückzugewinnen - und eine schöne Stimme ist dabei gewiss von Vorteil.
Eine schöne Stimme garantiert Margarita Gritskova. Die junge russische
Mezzosopranistin wird bei der Premiere von "Alcina" am heutigen Samstag im
Nationaltheater Weimar den Part der Bradamante singen.
Und spielen. Eine Rolle zu verkörpern, auf der Bühne einen Charakter
darzustellen, das, sagt die 1987 in Leningrad geborene Margarita Gritskova,
habe sie erst in Weimar gelernt. Vor anderthalb Jahren kam sie vom St.
Petersburger Konservatorium direkt ans Nationaltheater. Eine
deutsch-französische Agentur hatte ihr geraten, sich in Weimar zu bewerben;
nach dem Vorsingen im Februar 2010 wurde sie gleich zum Beginn der nächsten
Spielzeit fest engagiert.
"Zu Anfang hat mich das schauspielerische Niveau hier am Haus fast
überfordert", erinnert sie sich, "szenischen Unterricht gab es in Russland
nicht." Was sie nachzuholen hatte, das lernte sie in der Praxis - in den
Opernproben und auf der Bühne. "Ich war überrascht, wie viel sich die Sänger
hier auf der Bühne bewegen, wie intensiv mit dem Chor gearbeitet wird. Da habe
ich begriffen, was es heißt, eine Rolle zu leben."
Das gilt auch für die Carmen. Die Titelrolle von Bizets Opern-Dauerbrenner hat
Margarita Gritskova schon in St. Petersburg einstudiert und in einer
konzertanten Aufführung gesungen. In Weimar verkörpert sie die
Mezzo-Paraderolle in einer auf 80 Minuten gekürzten szenischen Fassung und
begeisterte damit Ende Januar die Gäste des Weimarer Opernballs. Im März wird
sie am DNT erneut als Carmen zu erleben sein. Außerdem war und ist sie in
Weimar der Cherubino in Mozarts "Hochzeit des Figaro", die Maddalena in Verdis
"Rigoletto", Marthe Schwerdtlein in Gounods "Faust" und Ottone in Monteverdis
"L'incoronazione di Poppea". Die reizvoll zwischen den Geschlechterrollen
wandelnde Bradamante wird allerdings ihre letzte Rolle am DNT Weimar sein: Im
September wechselt sie an die Wiener Staatsoper.
Für die junge Sängerin ist das ein gewaltiger Aufstieg - und für das DNT
einerseits ein Verlust, andererseits aber ein erneuter Beweis für die
Bedeutung des Hauses als Talentschmiede und Karrieresprungbrett. In Wien, das
weiß Margarita Gritskova, wird sie vorerst nur kleinere Rollen zu singen
bekommen. "Eigentlich möchte ich alles auf einmal und jetzt gleich", sagt sie,
aber sie weiß, dass es für sie und ihre noch sehr junge Stimme besser ist,
sich an die großen Rollen erst einmal heranzuarbeiten.
Dem DNT und ihren Weimarer Kollegen ist sie sehr dankbar. "Ich bin ganz ohne
Erfahrung an dieses Haus gekommen und habe hier sehr viel gelernt", betont
sie, "alle Leute im Opernbetrieb sind so nett und hilfsbereit. Meine Kollegen
sind mir ans Herz gewachsen. Ich hatte anfangs das typische Klischee vom
intriganten Theater im Kopf - und dann habe ich hier das genaue Gegenteil
kennengelernt."
Sängerkollegen, Repetitoren und Regisseure halfen ihr auch, die Umstellung von
der Petersburger Musikhochschule zum Theaterbetrieb zu meistern. "Ich habe ja
alles in Russland zurückgelassen: meine Familie, meine Lehrer, die mir viel
Rückhalt gegeben haben." Die Sopranistin Nelly Lee, eine ihrer wichtigsten
Lehrerinnen, bei der sie schon mit 13 Jahren Gesangsstunden nahm, ist zur
"Alcina"-Premiere nach Weimar gekommen.
Margarita Gritskova wird das DNT vermissen, "ich hoffe, dass ich als Gast
zurückkehren kann". Aber jetzt kommt erst einmal "Alcina". Auf die Premiere
freut sich die junge Sängerin sehr, "ich finde Corinna von Rads Regiekonzept
toll, es hat viel psychologische Tiefe".
In Händels Oper erobert die selbstbewusste Bradamante ihren Ruggiero im
Triumph zurück. Wer Mut hat, wer über sich hinauswächst, dem steht die Welt
offen."
Frauke Adrians, Thüringer Allgemeine, Februar 2012