INTERVIEW FÜR KONZERT IN MUSIKVEREIN / by Dmitri Akerman

"Magazin der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien 

Jänner 2014

Gesang wie Goldschmiedekunst

Margarita Gritskova, Mezzosopran Von St. Petersburg an die Wiener Staatsoper und von der Opern- auf die „Lied.Bühne“ im Gläsernen Saal: Die junge russische Mezzosopranistin Margarita Gritskova gibt mit einem Liederabend ihr Musikvereinsdebüt.

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Du holde Kunst, in wieviel grauen Stunden, 

 Wo mich des Lebens wilder Kreis umstrickt,  

Hast du mein Herz zu warmer Lieb entzunden,

Hast mich in eine bessre Welt entrückt!“                                                                      

So hat es Franz von Schober gedichtet, und Franz Schubert hat die Zeilen durch seine Vertonung unsterblich gemacht. Mit genau dieser Liebeserklärung „An die Musik“ eröffnet Margarita Gritskova ihren Liederabend im Zyklus „Lied.Bühne“, der jungen Ensemblemitgliedern der Wiener Staatsoper die Möglichkeit bietet, sich im Musikverein als Liedsänger zu präsentieren.

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Lieder-Rundreise

Dieser Abend wird für die 1987 in St. Petersburg geborene Sängerin eine Premiere im doppelten Sinn, immerhin handelt es sich um ihr Musikvereinsdebüt und zugleich um ihren allererster Liederabend: „Das ist natürlich sehr aufregend. Ich bereite mich bereits seit dem Sommer darauf vor. Es ist der erste Abend, an dem ich zwei Stunden vor dem Publikum stehen und Lieder, keine Opernarien, singen werde. Ich halte das für viel schwieriger. Ein Liederabend ist eine weit diffizilere Sache. Man ist näher am Publikum, man muss viel nuancierter singen. Mit Oper habe ich ja schon einige Erfahrung, mit Liedern nur ein bisschen. Dabei hat mich der Liedgesang schon während des Studiums sehr interessiert!“ Dieses absolvierte sie am Konservatorium in St.Petersburg. Dort gab es auch eine Klasse, in der ein wenig kammermusikalisch gearbeitet wurde, doch der zentrale Fokus der Ausbildung lag ganz auf dem Operngesang, erzählt die Mezzosopranistin. Bei der Programmzusammenstellung haben ihr Begleiter, der Pianist Thomas Lausmann, der Solokorrepetitor und musikalischer Studienleiter an der Wiener Staatsoper ist, und ihre Gesanglehrerin geholfen. Das Programm liest sich ungemein ambitioniert, wie eine kleine Rundreise durch das Genre Lied. Den Beginn macht eine deutsche Auswahl mit Schubert, Brahms und Strauss, danach folgt Russisches von Tschaikowskij und Rachmaninow, im zweiten Teil wird es bei Debussy, Massenet, Ravel und Fauré französisch, bevor der Abend im Finale mit Manuel de Fallas „Siete canciones populares españolas“ spanisch ausklingt.

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Kunstvolles Ziselieren

Viel harte Arbeit, darüber ist sich Gritskova im Klaren, allein die drei deutschsprachigen Komponisten verlangen jeder für sich einen eigenen Stil. Sie hört daher auch unterschiedliche Aufnahmen, um ein Gefühl für die Kompositionen, für die Aussprache zu bekommen und in die Tiefen des deutschen Liedes vorzudringen. Dietrich Fischer-Dieskau, Christa Ludwig und Elisabeth Schwarzkopf nennt sie als große Vorbilder: „Es gibt so viele unterschiedliche Interpretationen von so vielen fantastischen Sängern. Aber natürlich müssen wir unseren eigenen Weg finden.“ Bei de Falla fällt ihr sofort Teresa Berganza ein. Eine erste spanische Erfahrung konnte Gritskova an der Seite des von ihr bewunderten José Carreras sammeln. Er holte sich die junge Russin im September 2013 für seine Staatsopernmatinee an die Seite, um ein Duett aus einer Zarzuela zu singen. Lieder zu interpretieren empfindet Margarita Gritskova als schönes Abenteuer, und sie bedauert, dass das Lied in Russland nicht dieselbe Bedeutung hat wie im deutschsprachigen Raum. Auch würde sie sich wünschen, dass das Interesse am Lied wieder ein wenig stärker würde, denn „im Moment hat das Lied etwas an Popularität verloren. Vielleicht liegt es auch daran, dass es anspruchsvoller ist, für den Sänger wie für das Publikum. Es ist Feinstarbeit, ein kunstvolles Ziselieren, wie die Arbeit eines Goldschmieds!“

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Vom Klavier angezogen

Schon früh hat sich Margarita Gritskova mit Musik beschäftigt, obwohl sie aus keiner Musikerfamilie stammt. Die Mutter spielte ein wenig Geige und der Vater, der zwar keine Stimme, aber dafür gute Ohren habe, wie sie anmerkt, hat sich selbst das Klavierspielen beigebracht. Damit stand ein Pianino zu Hause. Also zog es auch die kleine Margarita ans Klavier, und bald ging sie an die Musikschule. Dort sang sie dann auch im Chor, was für sie ein ganz besonderes Gefühl war. Schließlich wurde sie in den Kinderchor des Radios aufgenommen – und bereits hier wurde sie für solistische Aufgaben eingesetzt. Mit dem Radiochor ging es auf viele Reisen, nach Deutschland, nach Spanien und sogar nach Japan. Allerdings war das Tourneeprogramm meist so dicht, dass die Kinder wenig von den fremden Ländern sehen konnten: „In Japan hatten wir immer zwei Konzerte pro Tag, jeweils zwei Stunden lang. Für Kinder ist das natürlich viel, aber wir haben es trotzdem gerne gemacht, es waren tolle Erlebnisse“, erinnert sie sich.

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Eine Entdeckung

Sehr früh, mit sechzehn, ging sie dann zum Studium an die Hochschule. Bereits mit 22 hatte sie es abgeschlossen und dachte vorerst daran, als Aspirantin an einem Theater unterzukommen. Doch es kam anders. Sie wurde von ihrer Agentin entdeckt, die ihr ein Vorsingen in Weimar vermittelte. Plötzlich hatte sie einen Zweijahresvertrag am Deutschen Nationaltheater in Weimar in der Tasche, ohne ein Wort Deutsch zu können. Keine leichter Start: „Am schwierigsten war es aber, dass ich überhaupt keine Bühnenerfahrung hatte. Während meiner Hochschulzeit habe ich nur einmal den Cherubino auf der Bühne gesungen. In Deutschland gibt es natürlich viel mehr Singschauspieler als in Russland. Ich habe mich gefühlt, als käme ich aus dem Museum. Ich habe gesehen, was die anderen auf der Bühne machen, und dachte nur: Mamma Mia! Ich hatte große Angst und wollte schon wieder weggehen, weil für mich alles zu kompliziert schien. Meine erste Produktion war dann auch in Weimar ,Le nozze di Figaro‘. Die Regisseurin hat mich schließlich kurz vor der Premiere durch ein Cover ersetzt. Ich war nicht böse darüber und habe verstanden, dass ich noch viele Erfahrungen sammeln muss. Danach ging es immer besser, und ich habe in Weimar enorm viel gelernt.“

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Erfolge und Träume

Nach zwei Jahren Deutschland hieß die nächste Station Wien, wo sie nach einem Vorsingen ins Ensemble aufgenommen wurde: „Ich hätte nie gedacht, dass ich so schnell an einem so großen und wichtigen Haus singen werde“, erzählt die Sängerin. In Wien hat sie sich rasch in die Herzen des Publikums gesungen, neben einigen kleinen Partien bereits die Rosina in Rossinis „Il barbiere di Siviglia“ und die Angelina in „La Cenerentola“ verkörpert. Der bisherige Höhepunkt war im vergangenen Herbst der Idamante in der Premiere von Mozarts „Idomeneo“, der ihr einen großen persönlichen Erfolg bescherte. Natürlich träumt sie auch von der Carmen und von all den anderen großen Mezzo-Partien. Dennoch möchte sie es langsam angehen, hält nichts von schnellen Karrieren. In jedem Fall ist sie neugierig, viel Neues zu lernen und zu singen, auch Zeitgenössisches, vielleicht auch Jazz, den sie sehr mag.

„Musik ist einfach fantastisch“, sagt die junge Sängerin – womit wir wieder bei der holden Kunst wären."

Mag. Stefan Musil ist freier Kulturjournalist in Wien. Oktober 2014